Siu Nim Tao schlecht – WingTsun schlecht!

Siu Nim Tao Form gezeichnet
Siu-Nim-Tao schlecht - WingTsun schlecht!
Siu-Nim-Tao schlecht – WingTsun schlecht!

Es gibt Schüler, die die Siu Nim Tao (SNT) als eine Art notwendiges Übel betrachten und ihr deswegen nicht genügend Aufmerksamkeit widmen. Wir Europäer machen uns oft darüber lustig, dass in Hongkong die Anfänger oft 20 Minuten im Stand stehen, ohne sonst etwas zu tun. Wir sind gewohnt, an eine Sache zielstrebig heranzugehen und wollen möglichst schnell einen Erfolg sehen.

Wenn nun ein Lehrer seine Schüler im Training nur stehen lässt, so bekommen sie das Gefühl, nichts Brauchbares zu lernen, sie werden ungeduldig und werden in letzter Konsequenz dieser Schule den Rücken kehren. Damit geht ihnen aber einer der wichtigsten Aspekte jeder Kunst verloren: Geduld und Ausdauer. Anders bei den Chinesen. Sie wissen (wie lange noch?), dass das Erlernen eines Kung Fu-Stils eine lange Zeit braucht, dass es harter Arbeit bedarf (Kung Fu = “harte Arbeit”), nicht nur an der Technik, sondern auch an sich selbst.

Wir Europäer gleichen da eher einem, der Klaviervirtuose werden will, ohne Fingerübungen zu machen und ohne Tonleitern zu spielen. Er beginnt, sobald er nur die ersten Töne erzeugt hat, gleich mit dem Üben von Chopin und glaubt, wenn er nur zweimal in der Woche an einem Stück übt und dann nach einem Jahr die ersten Seiten mit Ach und Krach spielen kann, ein Könner zu sein.

In diesem Sinne möchte mancher WingTsun-Schüler die erste Form lernen, ohne das “in den Stand Gehen” der Siu Nim Tau nur einigermaßen zu beherrschen oder sich darüber eine “kleine Idee” zu eigen gemacht zu haben, das heißt, die beteiligte Muskulatur zu fühlen und die Schwierigkeit dieser Bewegung zu erkennen. Dagegen möchte ich behaupten, dass derjenige, der dieses “in den Stand gehen” perfekt beherrscht, schon ein besseres Gleichgewicht hat, als jemand, der nachlässig Cham Kiu (2.Form) übt.

Nun sind wir aber bei der SNT erst an der Stelle, wo bei manchen die Siu Nim Tau erst anfängt, nämlich, wenn sie schon stehen und die Armbewegungen beginnen. In demselben Maße wird nun auch das Stehen während der einzelnen Sätze vernachlässigt, das heißt, der Stand ist nicht bewusst oder nur für ein paar Sekunden, nachdem der Lehrer in korrigiert hat. So wird das Ziel der SNT, Unabhängigkeit der Arm und Fußarbeit zu entwickeln, einen gleichmäßig stabilen Stand unabhängig von der jeweiligen Armbewegung einzuhalten, nicht erreicht. Um aber dieses Ziel zu erreichen, ist nicht nur die Fähigkeit nötig, die Muskeln in einen bestimmten Zustand zu bringen, sondern auch, sich dieses Zustandes in jeder Phase bewusst zu sein. Von den Zehenspitzen bis in die Haarwurzeln muss ich meinen Körper fühlen, ohne dass ein Teil meine Aufmerksamkeit zu sehr an sich fesselt.

Während mein rechter Arm sich langsam auf der korrekten Bahn nach vorne schiebt, muss ich im selben Augenblick darauf achten, dass mein linker Arm mit gleichbleibender Spannung seine Position behält. Eine Erhöhung der Spannung auf der rechten Seite darf noch nicht einmal zum Zucken des linken Armes führen. Dazu kommt natürlich wie oben schon erwähnt, der Stand und, was vielleicht im Augenblick komisch erscheinen mag: das Gesicht. Ich habe darauf zu achten, dass auch bei größter Spannung kein Zucken der Mundwinkel erfolgt, denn was haben die Mundwinkel mit der Spannung im Arm zu tun? Wenn sich bei einer Spannungsspitze das Gesicht verzieht, so deutet das darauf hin, dass die hohe Spannung nicht “ohne Anstrengung” erreicht wird.

Das sollte aber meiner Meinung nach ein Ziel sein, Kraft “ohne Anstrengung” zu erreichen und ohne sich zu verkrampfen. Denn wenn ich rechts meinen Arm nur mit besonderer Anstrengung stabilisieren kann, so nimmt er die Aufmerksamkeit zu sehr in Anspruch und der linke Arm gerät mir aus der Kontrolle und verkrampft ebenfalls. Leung Ting erzählte 1977 auf einem Lehrgang in Kiel, er habe früher den dritten Satz der SNT ganz langsam geübt, ja er sagte, er habe eine ganze Stunde gebraucht, um Satz 3 einmal (!) zu machen. Dies sollte jeder einmal ausprobieren.

Die Schwierigkeit dabei ist mehr eine Sache der Konzentration, denn ich darf an nichts anderes denken, als an die Bewegung. Die Bewegung wird so langsam, dass man sie von außen gar nicht mehr wahrnehmen kann. Sobald mein Bewusstsein abgelenkt wird, wenn ich an etwas anderes denke, wird die Bewegung sofort schneller oder hört auf. Gleichzeitig muss ich versuchen, die Beinspannung konstant zu halten und auch auf den linken Arm zu achten.

Interessant ist es zu beobachten, wenn man im Training diese Übung 3 bis 4 Minuten machen lässt: Der Anfänger ist schon mit dem ganzen Satz fertig, während der Fortgeschrittene erst die Hand geöffnet hat. Dies ist vielleicht auch ein Grund, warum dieser Satz “die dreifache Verehrung Buddhas” heißt. Buddha sagte: “Wenn ich gehe, gehe ich; wenn ich esse, esse ich.” Das heißt, sein Bewusstsein ist konzentriert auf das, was er gerade tut. Diese Fähigkeit muss entwickelt werden, um die Bewegungen so langsam machen zu können.

Oder anders, wenn man den 3. Satz der SNT so langsam macht, verehrt man die Methode Buddhas, indem man sie praktiziert. Dabei spielt es keine Rolle, ob man in einem Tag um den Boddhi-Baum (der Baum, unter dem Buddha erleuchtet wurde) herumgeht oder in einer Stunde dreimal Fook-Sau vorschiebt. Die SNT hat natürlich noch viel mehr Aspekte, aber ich will es damit bewenden lassen und hoffe, ein paar Anregungen geliefert zu haben, sich eingehender mit der “kleinen Idee” zu beschäftigen.

Quelle:  EWTO Wing Tsun Welt , Nr. 3 (Der Artikel wurde redaktionell angepasst.)

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